Bewußtes Tun – bewußtes Reiten

Jeder sollte sich über sein Tun bewußt werden. Wir sollten alle Methoden, mit unserem gesunden Menschenverstand überprüfen und hinterfragen. Auch die, die wir in unseren Reitanfängen gelernt haben. Besonders sollten wir die Aussagen unter die Lupe nehmen, bei denen uns der Ausbilder erklärt ”Das wird schon immer so gemacht!”. Wenn er uns keine Begründung dafür liefern kann, sollten wir diese Methode überdenken.

Wir, im Intellekt höheres Lebewesen, sollten die Sprache der Pferde lernen, dem Pferd ist dies nur schwer möglich. Der Umgang mit dem Pferd sollte von dem Wissen über seine Art und sein Wesen geprägt sein. Dies bedeutet für uns, daß wir uns mit dem Lebewesen Pferd vertraut machen müssen. Wir sollten unser Pferd als Aufgabe sehen, mit ihm zusammen zu lernen und unseren eigenen Charakter weiter auszubilden. Als Möglichkeit Selbsterkenntnis zu erlangen und Geduld zu üben. Um auch schwierigere Situationen, mit Vertrauen und Mut, in die Fähigkeiten unseres Pferdes und unserer eigenen Fähigkeiten, zu meistern.

Unser Pferd zappelt herum, erschrickt häufig auch vor schon bekannten Dingen, ist nervös und zickig. Überhaupt, nicht einmal beim Putzen paßt es auf. Es tut was es will. Bei Lektionen oder Übungen hampelt es herum, vollführt zwei Schritte zuviel und reagiert einfach nicht auf das, was wir von ihm fordern. Obwohl doch unsere Signale und Anweisungen deutlich sind?

Der Anfang einer ÜbungWoran liegt es, daß Pferde so reagieren und an manchen Tagen launisch sind? Auch Pferde die eher ruhig und gelassen sind, folgen nicht auf unsere Signale und Wünsche, fangen plötzlich an zu steigen oder zu buckeln.

Liegt es daran, daß sie zu gut gefüttert werden? Haben sie vielleicht nur Angst und wehren sich deshalb gegen uns? Oder haben sie zuwenig Bewegung? Wenn diese Punkte ausgeschlossen sind, sollten wir uns Gedanken über uns und unser Verhalten machen. Leichter ist es natürlich die Schuld für das ungehörige Verhalten unseres Pferdes, anderen Dingen oder gar dem Pferd selbst, zu zuschieben, als sich zu fragen ob es an einem selbst liegt.

Die Ursachen bei sich selbst suchen? Daß fällt uns allen schwer. Leichter ist es, den ”Gaul” mit dem man nicht zurecht kommt zu verkaufen. Oft treten mit einem anderen Pferd aber nach kurzer Zeit die gleichen oder abgewandelte Probleme wieder auf. Über sich selbst nachzudenken, dazu wurde keiner von uns erzogen. In belegbaren Zahlen muß jeder seine Leistungen und sein Können vorlegen. Wie dies geschafft wurde ist nicht wichtig. Sich mal nur hinzusetzen und in sich hinein zu hören, ohne die modernen Reize wie Radio oder Fernsehen, fällt den meisten von uns sichtlich schwer. In unserer Konsumgesellschaft werden wir laufend mit Ablenkungen überflutet.

Was tun wir, wenn unser Pferd sich wie wild aufführt? Wir werden ungeduldig. Hüpf´ nicht so herum und ein Ruck am Zügel. Unser Freund verdreht die Augen und nimmt den Kopf hoch, daß tat nämlich weh! Zu diesem Zeitpunkt wäre es besser für das Verhältnis zwischen Pferd und Besitzer, mit allen geplanten Aktionen zu stoppen und diese auf ein andermal zu verschieben. Stellt euer Pferd auf die Koppel und setzt euch dazu. Genießt die ruhige Zeit. Euer Pferd wird neugierig zu euch kommen und euch beschnuppern.

In unseren Hinterköpfen steht: ”Sitz nicht so untätig herum”. Das haben wir als Kind schon gehört, ”Räume lieber dein Zimmer auf!”. Lehnen wir uns mal zurück um nachzudenken, ”tun” wir ja nichts. Jeder der es sich erlaubt, sich ”untätig” hin zu setzen, und von einem schönen Erlebnis zu träumen, wird es genießen. Wer zur Selbstkritik nicht in der Lage ist oder Schwierigkeiten damit hat, sollte sich überlegen, ob er Körperübungen wie Feldenkrais, Qi Gong oder Tai Chi macht. Diese Übungen helfen in die eigene Mitte zu finden und aus sich selbst heraus, Kraft und Ruhe zu holen. Dies kann dann auch bei kritischen Situationen angewandt werden. Übrigens kann auch mit Atemübungen und Bachblüten sehr viel erreicht werden.

Mit Vertrauen ist alles so einfachBei Problemen mit seinem Pferd, sollte also jeder erst einmal Selbstkritik üben, und sich fragen warum hat mein Pferd mich jetzt nicht verstanden! Was habe ich falsch gemacht? Woran liegt es, daß mein Pferd meine Hilfen nicht befolgt.

Nicht nur die falsche oder nicht korrekt ausgeführte Hilfengebung kann Ursache für diesen vermeintlichen Ungehorsam sein. Ist man nicht in der Lage völlig abzuschalten und alles um sich herum zu vergessen, schlagen sich unsere inneren Konflikte, auf unser gesamtes Verhalten nieder. Wir sind gereizt und ungeduldig. Sind wir nicht mit uns im reinen, fällt es schwer, sich verständlich auszudrücken. Im verbalen Bereich haben wir mit der Verständigung sicherlich keine Schwierigkeiten. In der Kommunikation mit Pferden wird viel mit Körpersprache gearbeitet, auch wenn uns dieses nicht bewußt ist. Unser Körper kann nicht lügen.

Ein Beispiel: Unser Gehirn formuliert eine Tätigkeit, die wir mit unserem Pferd zu tun gedenken, unser Unterbewußtsein sehnt sich aber nach einer Ruhepause. Unsere Stimme wird unserem Gedanken folgen und unser Körper dem Unterbewußtsein. Es kommen von uns also zwei völlig unterschiedliche Anweisungen. Unser Bewußtsein sagt ”Ja” und unser Unterbewußtsein sagt ”nein”. Unser Pferd wird dem Befehl unseres Körpers folgen oder uns überhaupt nicht verstehen. Was es jetzt auch macht, es ist mit Sicherheit falsch.

Es kann also nicht funktionieren, wenn man schnell nach Büroschluß zum Pferd fährt um es geschwind noch zu reiten, bevor man abends aus geht. Das Gehetze zieht sich wie ein roter Faden durch alle Aktivitäten. Man ist unkonzentriert, schaut ständig auf die Uhr, und ist doch mit seinen Gedanken bei dem was noch alles zu erledigen ist oder was man abends am besten anzieht.

Verdienen unsere Pferde aber nicht unsere ungeteilte Aufmerksamkeit? Müssen wir ihnen nicht auch das Recht auf ein eigenes Leben mit Gefühlen und Wünschen zugestehen? - Pferde geben uns sehr viel. Sind sie es nicht wert, dafür auch ihrem Wesen entsprechend behandelt zu werden? Pferde sind Lebewesen, die genau wie wir ein Recht auf Entfaltung und Entwicklung haben. Wir teilen nur eine ganz kurze Zeit in ihrem Leben. Pferde sind nicht auf uns angewiesen. Warum behandeln wir sie wie Gebrauchsgegenstände? Wenn wir da sind, haben sie perfekt zu funktionieren. In der Zwischenzeit werden sie in Boxen verwahrt, wo sie gefälligst auf uns zu warten haben. Wie Spielzeug, das weggeräumt wird bis wir uns wieder dessen besinnen. Wenn den Pferden in artgerechter Haltung die Möglichkeit gegeben wird, führen sie in der Zeit, wo wir nicht da sind, ihr eigenes Leben. Wo sie mit ihren Freunden Fellpflege betreiben oder miteinander spielen und sich ansonsten wie wir auch, an die Regeln des Familienlebens zu halten haben.

In den paar Stunden am Tag wo wir da sind, dürfen wir sie reiten oder fahren und sie dienen uns willig. Dies aber nur, wenn wir wissen, wie wir es anzupacken haben.

Den richtigen Weg bei der Erziehung des Pferdes zu finden ist nicht einfach. Um dies zu erreichen müssen wir über das Verhalten von Pferden Bescheid wissen. Die unterschiedlichen Charaktere der Pferde lernt man erst mit einiger Erfahrung einzuschätzen. Ob das Pferd empfindsam oder büffelig ist, muß man abchecken. Aber Vorsicht, auch sehr robuste, große und stabile Pferde können sehr empfindsam sein. Oft haben büffelige Pferde nur ein mangelndes Körpergefühl.

Im Familienverband der Pferdeherden gibt es ein Leittier, welches sich seine Position erarbeitet hat, genauso wie die nachfolgenden Tiere. Wer Gelegenheit hat Pferde im Offenstall zu beobachten, wird feststellen, daß Schläge mit den Hinterhufen, das allerletzte Mittel ist, wenn ein rangniedriges Pferd nicht spurt. Ein Pferd wird also nur beißen oder schlagen, wenn es denkt es hat die ranghöhere Position und diese wird von seinem Gegenüber nicht anerkannt. Der Mensch wird also nur gebissen oder getreten, wenn dieser als der Rangniedrigere, in die ”Privatsphäre” des Pferdes eindringt. In der Position unter dem Pferd wird es für den Menschen immer gefährlich, auch wenn das Pferd sehr brav ist und nicht beißt oder schlägt. Hat beim Reiten das Pferd die Dominanz (ranghöhere Position), wird es bei vermeintlicher Gefahr die Flucht ergreifen. Als Leittier hat das Pferd die Verantwortung und das Sicherheitsdenken zu übernehmen.

So läßt es sich leben!Für uns als Mensch ist es also wichtig, daß wir bei unserem Pferd, den Rang des Leittieres erhalten. Diese Position müssen wir uns nicht mit Kraft erkämpfen, was auch aussichtslos wäre, sondern durch korrektes, geradliniges und konsequentes Verhalten. Wenn wir also Schwierigkeiten haben uns durchzusetzen oder unsicher sind wie wir es anfangen sollen, sollten wir den Mut haben, uns fachlich kompetente Hilfe zu holen. Dies kann eine Seminarteilnahme sein oder der jeweilige Ausbilder kommt zu Euch. Es gibt mehrere neue Methoden der Ausbildung für einen artgerechten Umgang mit Pferden. Die bekanntesten sind Linda Tellington-Jones, Pat Parrelli und K.F. Hempfling. In ganz Deutschland werden Seminare angeboten, mit ausgebildeten Dozenten nach diesen Methoden. Bei manchen Anbietern kann das eigene Pferd mitgebracht werden. Dies ist von Vorteil, denn, Schwierigkeiten hat man mit dem eigenen Pferd und so können gleich einige Dinge zwischen Besitzer und Pferd, unter Anleitung des Dozenten geklärt werden.

Wir sollten uns auch darüber Gedanken machen, ob wir bei jedem Turnier dabei sein müssen. Wäre es nicht schöner mit unserem Pferd durch die Natur zu streifen? Das Pferd ist kein Sportgerät, leider können wir es nicht fragen ob ihm das Springen über Hindernisse Spaß macht. Wenn jemand sich selbst Höchstleistung abverlangt ist das in Ordnung. Es ist seine eigene Entscheidung, ob er nach dem Turnier oder Training mit Sportverletzungen nach Hause geht. Ist es unser Recht von einem Pferd etwas zu verlangen wofür es nicht geeignet ist? Es gibt sicherlich einige Pferde die die Befähigung zur Dressur oder zum Springen haben. Oft wird versucht mit aller Gewalt alles aus einem Pferd herauszuholen. Bedenken wir, nicht alle Menschen sind Ballettänzer oder Spitzensportler.

Wir sollten davon absehen, unseren Pferden Schmerzen zu zufügen, auch wenn wir dies nicht bewußt tun wollen. Ein Pferd kann, wie viele andere Fluchttiere, nicht schreien oder wie ein Hund vor Schmerz winseln. Dies führt zu der Annahme, das ein Pferd schmerzunempfindlich ist. Doch wie sehr quält es ein kleiner Mückenstich. Der Einsatz von Sporen und Peitsche sollte wohl überlegt sein, läßt man sie von vornherein weg, kommt man nicht in die Versuchung. Um ein Pferd zu reiten, benötigt man diese Dinge nicht. Fred Rai der Western-Sänger und viele die seine Reitmethode anwenden, haben bewiesen, daß ein Pferd ohne Peitsche, Sporen und Gebiß zu reiten ist. Besonders gut sprechen Durchgänger und Steiger auf diese Methode an. Das Prinzip ist einfach, es basiert auf positiver Konditionierung. Richtiges Verhalten wird belohnt, falsches ignoriert, bis nur noch gewünschtes Verhalten übrig bleibt. Viele Pferde werden mit Strafe ausgebildet - doch Verständnis wäre gerade in der Ausbildung angezeigt. Die Umsetzung der Methode von Fred Rai, verlangt einiges Wissen über Pferde und deren Verhalten. Den entsprechenden Reitstil, geradliniges, konsequentes und korrektes Verhalten des Reiters und Durchsetzungsvermögen. Auch diese Methode kann in Reitschulen und bei Seminarveranstaltungen gelernt werden.

Frau S. Steinhauser veranstaltet auf Ihrem Pferdehof regelmässig Kurse und Seminare zu diesen wichtigen Themen, die eigentlich jede/n Reiter/in angehen. - Weitere Informationen erhalten Sie gern jederzeit auf dem Pferdehof Steinhauser in 91463 Dottenheim.

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