Monty Roberts: der wahre Pferdeflüsterer

Als ich im Juli 1999 dem 64jährigen Monty Roberts auf seiner prachtvollen Farm in Solvang (Kalifornien) beim Interview gegenübersaß, spürte ich sofort, daß ich es mit einem großen Pferdemann zu tun habe, der trotz seiner zahlreichen Erfolge und seines Vermögens bescheiden geblieben ist. Die seit 1965 von Monty und Pat Roberts geführten "Flag Is Up Farms" im Santa Ynez Valley bei Solvang, zwei Autostunden nördlich von Los Angeles, haben für europäische Verhältnisse unvorstellbare Ausmaße, und das elektrisch gesteuerte Einfahrtstor öffnete meiner Frau Jutta und mir eher einen riesigen Park mit Rosenspalier als eine Ranch für rund 350 Pferde, auf der zur Zeit "nur" 100 Pferde untergebracht sind.

Monty Roberts (links) und Dr.B.Weil mit “Shy Boy”

Der 1935 in Salinas (Kalifornien) geborene Monty Roberts hat in seinem abenteuerlichen Leben Höhen und Tiefen erlebt und durchlitten. Bereits mit vier Jahren nahm Monty an Turnieren teil und gewann sie meistens. Der brutale Vater Marvin, von Beruf Polizist, schlug ihn mit einer Stallkette krankenhausreif, weil Monty sich weigerte, die von ihm so geliebten Pferde auf die herkömmliche, aggressive Art zuzureiten, indem man sie in einer tagelangen Tortur der rohen Gewalt gefügig machte ("to break the horse").

Aber der autoritäre Vater konnte den pferdebesessenen Jungen nicht daran hindern, die "Sprache" der Pferde in freier Wildbahn, auf der Koppel und beim täglichen Umgang mit ihnen zu studieren. Monty übersetzte die non-verbale Ausdrucksweise der Pferde, die er später "EQUUS" (lat.: Pferd) nannte, in eine Körpersprache des Menschen.

In einer völlig gewaltfreien Atmosphäre schafft es Monty mit seiner einfühlsamen Art in weniger als einer halben Stunde, daß ein rohes Pferd einen Sattel, ein Zaumzeug und schließlich sogar einen Reiter erstmals auf sich duldet. Diese Methode, die er "Join-Up" nennt, stellt aber erst den Anfang der Zusammenarbeit von Tier und Mensch dar.

Selbst wenn man Montys Fernsehdokumentationen und Videofilme bereits mehrfach studiert hat, so läuft einem immer noch eine Gänsehaut den Rücken herunter, wenn man ihn live auf seiner Farm im "Round Pen" (Longierhalle) mit einem Pferd interagieren sieht. In einer kleinen runden Halle mit einem Durchmesser von etwa 15 Metern wird ein noch nie zuvor gerittenes Pferd durch das Zuwerfen einer Longe oder eines Seils in eine künstlich herbeigeführte Fluchtreaktion versetzt (ähnlich dem Verstoßen aus der Herde durch ein älteres Pferd). Die normale Fluchtdistanz eines frei lebenden Pferdes beträgt etwa eine Viertelmeile (rund 400 Meter). Da das Pferd im "Round Pen" jedoch feststellen muß, daß es dem scheinbaren "Angreifer" nicht entkommen kann, sendet es in seiner Sprache ("EQUUS") bereits nach wenigen Minuten "Verbrüderungssignale" aus, denn ein Ausstoßen in freier Wildbahn hätte früher den Tod bedeutet: Das Ohrenspiel orientiert sich zum "Trainer" im Zentrum hin, das Pferd beginnt zu kauen und zu lecken (d. h.: "Ich bin ein harmloser Pflanzenfresser."), es senkt den Kopf tief zum Boden und macht sich rund. In diesem Moment stoppt der Trainer seine Scheinattacken, wendet dem Pferd stillstehend halb den runden Rücken zu und schaut gelassen zum Boden vor sich. Unvermittelt bleibt das Pferd neugierig und - wegen der neuen Situation - unsicher stehen und geht langsam von hinten auf den Menschen zu, der es dafür durch Reiben der Stirn belohnt, ohne ihm dabei allerdings in die Augen zu sehen, da dies einen Angriff signalisieren würde.

Das Pferd hat somit gelernt, daß ihm hier kein feindliches Tier begegnet, sondern ein Wesen, das ihm durch seine Nähe Sicherheit gibt. Geht der Trainer einige Schritte langsam nach rechts oder links, so folgt ihm das Pferd ruhig nach ("Follow-Up"), um den jetzt gefundenen "Herdenersatz" nicht wieder zu verlieren. - In gleicher Weise setzt Monty Roberts das Training fort, bis das Pferd mit Sattel und Zaumzeug geritten werden kann, wobei der Zeitfaktor (ca. 30 Minuten) eigentlich völlig nebensächlich ist. Monty sagt: "I don't 'break' horses in 30 minutes, I 'start' them. I want the horse on my team." -

Daß sich das Pferd bei seinem Trainer tatsächlich geborgen fühlt, zeigt die Beobachtung, daß es beim Erschrecken (z. B. durch Händeklatschen der Zuschauer) sofort ganz nahe zu ihm läuft, um Schutz zu finden ("Join-Up").

Billardzimmer von Monty und Pat Roberts

Wir hatten bei unserem Besuch in Juli 1999 das außergewöhnliche Glück, daß Monty den berühmten "Shy Boy" vorführte, einen ehemals wilden Mustang, der die letzten Zweifler an seiner schmerzfreien Methode zum Verstummen brachte. Im März/April 1997 gelang es Monty nämlich, in einem dreitägigen Ritt und anschließender einwöchiger Arbeit aus einem wilden, aggressiven, jungen Mustanghengst (der heute gelegt ist) ohne Gewaltanwendung ein reitbares und völlig friedliches Pferd zu machen, das sogar nach seiner späteren Freilassung die Herde wieder verließ, um bei Monty zu bleiben (nachzulesen und fotografisch festgehalten in Montys Buch "Shy Boy").

Montys wortloser Umgang mit Pferden sollte uns Reiter zum Umdenken bringen, wenn wir nach wie vor Peitschen, Gerten, Sporen und andere Strafmaßnahmen gegen unsere vierbeinigen Sportkameraden einsetzen. Leider ist seine "Join-Up-Methode" noch zu wenig verbreitet und wurde obendrein durch Robert Redfords (alias "Tom Booker") unsäglichen Walt-Disney-Kino-film "Der Pferdeflüsterer" ("The Horse Whisperer") nach der Buchvorlage von Nicholas Evans stark beschädigt, der nämlich ein völlig falsches oder konträres Bild vom "wahren Pferdeflüsterer" Monty Roberts lieferte.

Inzwischen hat Monty zahlreiche Schüler in der ganzen Welt, und täglich werden es mehr. "Neue Methoden", so sagte er uns, "durchlaufen immer drei Stadien: Zuerst bezweifelt man sie oder lehnt sie ab, dann sagt man, das sei nichts Neues, und schließlich behaupten viele, die gleiche Technik zu beherrschen." So erklärt sich Monty die derzeitige "Inflation" von selbst ernannten "Pferdeflüsterern", die mit seiner Arbeit jedoch nichts gemein haben.

Monty Roberts hat sich durch seine einmalige Leistung Gehör verschafft in der Reiterwelt, von den rauhbeinigen Westernreitern der USA bis zum Pferdestall der englischen Königin Elizabeth II. in Windsor, deren Pferde er 1989 und später trainierte. - Darüber hinaus entwickelte er sanfte Verlademethoden, eine Schutzdecke für Rennpferde in der Startbox und ein "Be-Nice-Halfter" zum schonenden Umgang mit jungen oder "wilden" Pferden.

Von der relativ jungen Methode Linda Tellington-Jones' ("T-Touch") hält Monty viel; schließlich war Linda eine seiner besten Schülerinnen, was viele Reiter nicht wissen. - Neben Pferden arbeitete Monty auch mit Mulis (so 1976 mit dem Weltmeister-Muli im Reining "Tina") und seit einigen Jahren sogar mit Hirschen und Rehen, die frei um sein herrliches Wohnhaus herumlaufen. Hundetrainer aus aller Welt bestätigten ihm den Erfolg seiner Methode für ihre Arbeit. Daß "Join-Up" im übertragenen Sinn sogar beim Menschen anwendbar ist, bewies der in dieser Hinsicht des öfteren belächelte Monty bei seinen eigenen und 47 (!) Pflegekindern, die er zusammen mit seiner hübschen Frau Pat erzog, die er seit 1955 kennt, am 16. Juni 1956 heiratete und die ansonsten als begabte Künstlerin Gemälde und Bronzeplastiken von Pferden und Reitern herstellt. Die Erziehungsmethode der beiden folgt einem ebenso einfachen wie wirkungsvollen Rezept: Positives Verhalten wird stets mit positiven Konsequenzen beantwortet und umgekehrt. - Auf Pferde übertragen bedeutet dies für Monty allerdings nicht, daß man sie zur Belohnung aus der Hand füttern soll, denn dies führe zur Verbitterung der Pferde, die nun ständig Leckerlies erwarten und nicht begreifen, wenn die Belohnung einmal ausbleibt. Außerdem wurden Pferde fast 50 Millionen Jahre lang nicht von Menschen aus der Hand gefüttert. (Viele weitere Tips und Informationen erhält man in Monty Roberts' Web Page im Internet: http://www.MontyRoberts.com ) - Im übrigen gibt es für Monty keine "Problempferde", sondern nur Pferde, die zum Teil Probleme mit ihren Besitzern haben!

Monty meidet überfüllte Pferdemessen wie die "Equitana" in Essen, die er nur einmal in seinem Leben besucht hat. Statt dessen hält er Seminare ("Clinics") in kleinerem Rahmen ab und schreibt zur Zeit ein neues Buch, auf das wir schon gespannt sein dürfen. Der überaus gastfreundliche Pferdemann, der in seinen nunmehr 60 Jahren im Sattel amerikanischer Rodeo-Champion wurde und mit Filmstars wie James Dean ("Jenseits von Eden"), Elizabeth ("Liz") Taylor und Charlton Heston zusammenarbeitete, besitzt eine unerschütterlich positive Lebenseinstellung, die er an andere weitergibt. Er schloß unser dreistündiges Gespräch mit der Formulierung seines zentralen Anliegens: "The world should be a better place for horses and people." ("Die Welt sollte ein besserer Ort für Pferde und Menschen sein.") - Bei Monty Roberts' Methode gibt es zumindest keine Verlierer.

September 1999

Wir danken Herrn Dr. B.A. Weil für die freundliche Überlassung dieses Berichtes und der Bilder.

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